Die Sturmlage ist die Übung, die am häufigsten misslingt – und zwar in beide Richtungen. Entweder kommen so wenige Meldungen, dass sich alle langweilen, oder so viele, dass nach zwanzig Minuten niemand mehr weiß, welcher Trupp wo ist. Dazwischen liegt ein schmaler Bereich, und der lässt sich planen.
Alle anderen Übungen drehen sich um eine Einsatzstelle: ein Objekt, ein Auftrag, alle Kräfte darauf. Der Sturm funktioniert genau andersherum. Zwölf Meldungen in einer Stunde, jede für sich harmlos, und keine davon darf liegen bleiben.
Geübt wird deshalb nicht das Absägen. Geübt wird die Reihenfolge.
Wie viele Meldungen eine Wehr verträgt
Eine Faustzahl aus der Praxis, keine Vorschrift: Eine Wehr arbeitet ungefähr so viele Einsatzstellen gleichzeitig ab, wie sie selbstständige Trupps stellen kann. Ein LF mit neun Kräften trägt zwei, vielleicht drei Stellen – mehr nicht, wenn jede Stelle einen Trupp mit Gerät und einer klaren Aufgabe bekommen soll.
Für die Übung heißt das: Die Zahl der Meldungen bemisst sich nicht am Sturm, sondern an der Mannschaft. Als Anhalt trägt eine Wehr über einen Übungsabend etwa das Zwei- bis Dreifache dessen, was sie gleichzeitig abarbeiten kann.
| Verfügbar | Gleichzeitig | Meldungen über 90 Minuten |
|---|---|---|
| Ein LF, 9 Kräfte | 2 Stellen | 5 bis 6 |
| LF + MTW, 14 Kräfte | 3 Stellen | 8 bis 9 |
| Löschzug, 20+ Kräfte | 4 bis 5 Stellen | 12 bis 14 |
Wer mehr einplant, übt nicht mehr Stress, sondern Frust. Der Unterschied ist, ob am Ende eine Entscheidung stand oder nur ein Durcheinander.
Der Takt entscheidet, nicht die Menge
Zwölf Meldungen auf einmal sind kein Sturm, sondern ein Zettelstapel. Zwölf Meldungen gleichmäßig über neunzig Minuten sind eine ruhige Nacht. Was fordert, ist der ungleichmäßige Takt: eine ruhige Anfangsphase, dann eine Welle, dann eine Meldung, die alles vorher Entschiedene wieder aufmacht.
| Minute | Meldung | Was sie prüfen soll |
|---|---|---|
| 00 | Baum auf Fahrbahn, Kreisstraße | Der einfache Einstieg – ein Trupp, klare Sache |
| 04 | Dachziegel auf Gehweg, Ortsmitte | Absperren statt arbeiten: Wer erkennt das? |
| 09 | Keller läuft voll, Wohnhaus | Erste echte Priorisierung gegen die beiden davor |
| 12 | Baum auf Fahrzeug, Person unklar | Menschenleben – alles andere wartet ab jetzt |
| 14 | Zwei weitere Bäume, Nebenstraßen | Die Welle: Jetzt reicht es nicht mehr für alle |
| 20 | Rückmeldung: Person unverletzt | Entlastung – wird sie zum Umdisponieren genutzt? |
| 28 | Gemeinde meldet Straße gesperrt | Eine Meldung ohne Auftrag: nur Lagebild |
| 35 | Kellerlage wird größer, Ölgeruch | Eine erledigte Stelle kommt zurück |
| 44 | Nachbarwehr fragt nach Unterstützung | Die Frage nach außen: Was geben wir ab? |
| 55 | Baum droht auf Leitung zu fallen | Fremde Zuständigkeit erkennen, nicht anfassen |
| 70 | Keine neuen Meldungen | Ordnet jemand von sich aus Kräfte zurück? |
Die Minute 70 ist die wichtigste Zeile der Tabelle. Fast jede Sturmübung endet damit, dass der Übungsleiter „Ende" ruft. Besser ist, wenn die Führung selbst merkt, dass die Welle durch ist, und die Kräfte einsammelt – das ist im Einsatz die eigentliche Leistung.
Woran man merkt, dass der Faden weg ist
Drei Anzeichen, und alle drei sind von außen sichtbar, ohne dass man in den Funkverkehr hineinhören muss:
Erstens: Es wird nachgefragt statt gemeldet. Wenn die Führungsstelle anfängt, bei den Trupps nachzufragen, wo sie eigentlich sind, ist die Übersicht schon weg. Solange gemeldet wird, trägt sie noch.
Zweitens: Die zuletzt eingegangene Meldung wird zuerst bearbeitet. Das ist der klassische Kipppunkt. Wer nach Eingangsreihenfolge statt nach Dringlichkeit arbeitet, hat aufgehört zu entscheiden und fängt an zu reagieren.
Drittens: Niemand schreibt mehr mit. Sobald das Mitschreiben aufhört, gibt es keinen Stand mehr, sondern nur noch Erinnerung. Spätestens bei der vierten gleichzeitigen Stelle reicht Erinnerung nicht.
Die Frage am Ende jeder Sturmlage
Irgendwann ist die Wehr voll. Alle Trupps sind gebunden, es kommt eine weitere Meldung, und jemand muss sagen: Das schaffen wir nicht mehr.
Dieser Satz fällt in Übungen fast nie – und zwar aus einem verständlichen Grund: Er fühlt sich nach Versagen an. Im Einsatz ist er das Gegenteil. Er ist die Meldung, die der Leitstelle erlaubt, andere Kräfte zu schicken, bevor jemand eine Stunde auf Hilfe wartet, die nie kommt.
Deshalb gehört genau das in die Übung: eine Meldung mehr, als die Wehr tragen kann. Nicht als Falle, sondern damit der Satz einmal ausgesprochen wurde, bevor es darauf ankommt. Wer ihn im Übungsdienst gesagt hat, sagt ihn nachts um drei eine halbe Stunde früher.
Was danach übrig bleiben muss
Eine Sturmübung ohne Protokoll ist eine anstrengende Stunde ohne Ertrag. Niemand kann hinterher aus dem Kopf rekonstruieren, wann welche Meldung kam und wie lange bis zur Entscheidung verging – und genau diese beiden Zahlen sind der ganze Lernwert.
Das Trainer-Cockpit spielt die Meldungen zu den geplanten Zeitpunkten ein und schreibt nebenher mit: was wann einging, was daraus wurde, welches Fahrzeug wo gebunden war. In der Nachbesprechung wird daraus ein Zeitstrahl.
Auf dem Zeitstrahl sieht man Dinge, die im Raum niemand behaupten würde: dass zwischen Meldung 3 und der ersten Entscheidung elf Minuten lagen zum Beispiel. Darüber lässt sich reden. Über „das lief eigentlich ganz gut" nicht.
Die Lage selbst
Die elf Meldungen oben sind ein Gerüst, kein Drehbuch. Sie brauchen Ihre Orte: die Kreisstraße, die bei Ihnen wirklich zuwächst, das Wohngebiet, in dem die Keller wirklich volllaufen. Eine Sturmlage mit erfundenen Straßennamen bleibt ein Papierstapel.
Der Szenario-Generator baut das Gerüst – Meldebild, Fahrzeugaufträge, Injects mit Zeitpunkt – und liefert eine Lage in der Größe, die zur Wehr passt. Die Ortsnamen setzen Sie ein; das ist die Viertelstunde, die den Unterschied macht.
Und wenn sie funktioniert hat: auf den Marktplatz. Eine gute Sturmlage ist in fast jeder Gemeinde dieselbe Übung, nur mit anderen Straßennamen.