Wenn über Tempo 30 auf Hauptstraßen gestritten wird, geht es um Lärm, um Busse und um Autofahrer. Eine Gruppe kommt selten vor, obwohl sie das Tempolimit härter trifft als die meisten: die Ehrenamtlichen der freiwilligen Feuerwehr, auf dem Weg zur Wache.
Ende September berichtete SWR Aktuell über eine Stadt in Baden-Württemberg, die im Frühjahr Tempo 30 auf mehr als zwanzig Straßen eingeführt hatte und nun auf 22 davon wieder Tempo 40 anordnen will. Einer der Gründe: Ehrenamtliche brauchen länger zur Wache, die Hilfsfrist wird teils überschritten. Die Folgen, so die Sitzungsvorlage, seien erst nach dem Beschluss genauer untersucht worden. Dieser Beitrag zeigt, wie sich diese Untersuchung vorher machen lässt – und welche Größenordnung dabei herauskommt.
Das Schild trifft nicht das Löschfahrzeug, sondern den Weg dorthin
Ein Löschfahrzeug darf mit Sonderrechten schneller fahren als erlaubt. Für die Einsatzfahrt ist das Schild deshalb fast bedeutungslos – bremsend wirken dort eher Schwellen und Verengungen. Bei einer Berufsfeuerwehr wäre das Thema damit erledigt.
Bei einer freiwilligen Feuerwehr steht vor der Einsatzfahrt eine zweite Fahrt: Jedes Mitglied fährt nach dem Alarm mit dem eigenen Auto zur Wache. Diese Fahrt ist eine Privatfahrt, nach StVO, mit jeder roten Ampel. Und ausrücken kann das Fahrzeug erst, wenn die Mindeststärke da ist – bei einer Gruppe neun Personen, darunter ein Maschinist, vier Atemschutzgeräteträger und eine Führungskraft.
Nicht der Durchschnitt zählt, sondern der Neunte
Maßgeblich ist das Mitglied, mit dem die Gruppe voll ist. Das wohnt typischerweise weiter weg als der Durchschnitt und fährt damit länger über die betroffenen Straßen. Deshalb verliert die Wehr mehr Zeit als das einzelne Mitglied.
Die Rechnung an einer Musterstadt
Für die Fallstudie haben wir eine Musterstadt gebaut, die dem Fall aus dem Bericht nachgebildet ist: dasselbe Straßennetz, dieselbe Lage der Hauptwache, dieselben 22 Straßen der Tempo-40-Liste, zusammen 28,9 km. Darauf 240 erfundene Mitglieder, verteilt auf zufällige Adressen im Umkreis von drei Kilometern, tagsüber zu 40 %, nachts zu 75 % verfügbar. Für jedes Mitglied wurde die Fahrt zur Wache auf dem echten Straßennetz gerechnet, einmal mit Tempo 50, einmal mit 30 und einmal mit 40 auf den 22 Straßen. Dann wurde in Tausenden Durchläufen ausgelost, wer bei einem Alarm kommt.
| vorher · Tempo 50 | Tempo 30 | künftig Tempo 40 | |
|---|---|---|---|
| Mehrzeit je Fahrt zur Wache | – | +39 s | +14 s |
| 90 % rücken tagsüber aus in (100 Mitglieder) | 10,1 min | 11,1 min | 10,5 min |
| Mitglieder für dieselbe Tagesbereitschaft | 100 | 145 | 120 |
Eine halbe Minute je Fahrt klingt nach wenig. Für die Wehr wird daraus fast eine ganze Minute, und um die zurückzuholen, bräuchte sie im Modell rund 45 % mehr Mitglieder – bei Tempo 40 noch rund 20 %. Die Sitzungsvorlage aus dem Bericht nennt als Alternative bis zu zehn zusätzliche Stellen. Beide Zahlen kommen aus demselben Effekt.
Was die Zahlen nicht sagen
- Erfundene Mitglieder. Die echte Feuerwehr hat andere Wohnorte, Abteilungen in den Ortsteilen und hauptamtliche Kräfte. Belastbar ist das Verhältnis der drei Fälle, nicht die absoluten Minuten.
- Nur die 22 Straßen. Tempo 30 gilt dort auf mehr Straßen, die nicht namentlich veröffentlicht sind. Der Abstand zwischen vorher und Tempo 30 ist daher eher zu klein.
- Die Route bleibt dieselbe. Wer in Wirklichkeit ausweicht, verliert weniger. Das wirkt in die andere Richtung.
Keine verbindliche Feststellung
Die Fallstudie ist eine Modellrechnung zur Orientierung – keine rechtlich verbindliche Aussage über die Einhaltung der Hilfsfrist, kein Gutachten und kein Feuerwehrbedarfsplan. Wer eine solche Rechnung als Grundlage einer Entscheidung verwenden will, sollte sie durch eine Fachplanung mit gemessenen Einsatzdaten prüfen lassen.
Mit den eigenen Mitgliedern rechnen
Was die Musterstadt mit erfundenen Mitgliedern zeigt, lässt sich in der Hilfsfristen-Karte mit den eigenen rechnen. Der Ablauf:
- Mitglieder setzen – von Hand auf die Karte oder aus einer Excel- oder CSV-Datei. Namen werden nie gelesen, jeder Punkt wird auf 100 m gerundet.
- Verfügbarkeit für Tag und Nacht und die Funktion im Fahrzeug eintragen, dazu die Mindeststärke.
- Fahrzeiten abfragen. Heraus kommen Median und 90-%-Wert der Ausrückezeit, getrennt für Tag und Nacht, und welche Mitglieder über das Ausrücken entscheiden.
- Zonen oder Straßen einzeichnen, heute und geplant eintragen – 50 → 30 genauso wie 30 → 40. Der Unterschied steht sofort da, für die Wehr und je Mitglied in Sekunden.
Liegt die Einsatzliste der Leitstelle vor, lässt sie sich daneben einlesen. Für eine Erprobungsphase heißt das: die Liste aus der Zeit davor und die aus der Erprobung messen und vergleichen. Dann entscheidet am Ende eine Messung.
Die ganze Fallstudie lesen
Fünf Seiten mit Verfahren, allen Annahmen, den Ergebnissen für 80, 100 und 120 Mitglieder und den Grenzen der Aussage.
Selbst durchrechnen
Die Hilfsfristen-Karte läuft im Browser, ohne Anmeldung. Das PDF ohne Wasserzeichen gehört zur Lizenz für die Wehr.